
Berliner Zeitung No.: 267; 15./16. November 2003
Die Lücke in der konservativen Männerwelt
Ein geplagter Student hat die „sacfree“-Unterhose erfunden
Von Silke Stuck
BERLIN, 14.November, Manchmal baumelt die Not, die erfinderisch macht, zwischen den Beinen. Dirk Rothenbücher, 27 Jahre alt und Student aus Karlsruhe, hatte ein Problem. Es zwickte und beengte ihn, wenn er normale Unterhosen anzog, die in der Dessous-Fachsprache Slips genannt werden. Und es schlabberte, wenn er zu Boxershorts griff. Wo ist die passende Unterhose für den Mann mit solchen Problemen, fragte sich Rothenbücher es gab keine, zumindest fand er keine, also musste er eine entwerfen. Gemeinsam mit seiner Freundin, einer Modedesignerin, schuf er eine Unterhose mit dem Gegenteil eines Eingriffs, sozusagen einer kleinen Öffnung, die den Hoden freien Hang garantiert. Sacfree eben. So nannte er sie und vertreibt sie seitdem übers Internet.
Sicher war es von Vorteil, dass Rothenbücher zusammen mit seiner Freundin den Prototyp entwickelte, in der Intimität der Karlsruher Wohngemeinschaft. „Das war ein Hickhack, bis die Hose so passte; bis alles dort war, wo es hingehörte“, erzählt der Student. Er bekam Beklemmungen, wenn seine Freundin Änderungen absteckte. Manchmal befahl er ihr, Tesafilm zu benutzen.
Ob Rothenbücher mit seinem Unterhosenmodell wirklich eine Marktlücke schließen kann, indem er eine Lücke in der Unterhose öffnet, ist ungewiss. Die Kollektion umfasst gerade ein Modell, von dem bislang rund 500 Exemplare genäht wurden. Doch die sollen die extrem konservative Männerwäschewelt auflockern.
Einer aktuellen Studie der Zeitschrift Textilwirtschaft zufolge werden in Deutschland gerade einmal 100 Millionen Männer-Unterhosen im Jahr verkauft. Das macht pro Mann lediglich drei neue Unterhosen jährlich. Ein Wunder, dass die Befragten dennoch angaben, morgens zwischen 19 Exemplaren wählen zu können. Im Jahr 2000 zahlten die Männer im Durchschnitt 12 Mark für eine Unterhose, heute immerhin 8 Euro.
All diese Daten kannte Dirk Rothenbücher nicht, als er sacfree zum Selbstzweck erfand. Nicht einmal medizinische Erkenntnisse nutzt er als Verkaufsargument für sein luftiges Modell. Schließlich sind wärmende Unterhosen ein Nachwuchskiller. Ist die Temperatur im Hoden zu hoch, wird nämlich die Bildung von Spermien gehemmt. Doch um all das geht es Rothenbücher nicht. „Wir wollten etwas Praktisches auf den Markt bringen“, sagt er ungerührt. Der Freundeskreis wurde zum Testen angehalten. Sacfree hatte Erfolg. Längst bestellen nicht nur Freaks die Unterhose mit dem Loch, auch ältere Männer, so Rothenbücher, würden sich dafür interessieren. „Aber eher aus dem medizinisch genannten Gründen.“
Dass sich sacfree durchsetzen wird in der von Gewohnheit bestimmten Männerwelt, bleibt fraglich. Insgesamt 85% aller deutschen Männer sind Slip-Träger. Die weiter geschnittenen Boxer tragen hingegen gerade mal 39% der Männer. Auffallend viele Grünen-Wähler sollen der Textilwirtschaft-Studie zufolge darunter sein. Modell Karl-Heinz, der Feinripp mit oder ohne Eingriff, ist der Star bei Senioren. Und der Tanga (Modell „Sven“) hat nach wie vor Verbreitungsschwierigkeiten: Ihn tragen nur 19% der Männer.
Zu Weihnachten bringt Rothenbücher ein Sondermodell heraus, in Schwarz und mit einem „hauchdünnen und ganz leichten Netz“ um die Hoden. „So leicht, dass man es gar nicht merkt“, sagt er.
Sacfree ergänzt sein Studium, aber ernähren können ihn die Dessous noch nicht, sagt Rothenbücher. Eine Existenzgründung scheiterte. „Sitzen Sie mal vor einem Bankmenschen und erzählen ihm was von sackfreien Unterhosen“ sagt Rothenbücher. Er wird also weiterhin Philosophieseminare besuchen. Die seien auch durchaus auch sexy.

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